Geschichte der Salesianer Don Boscos in Buxheim

Im Jahre 1916 hatte der Bayerische Staat die kunsthistorisch bedeutendsten Gebäude der ehemaligen freuen Reichskartause Buxheim, nämlich die Kartausenkirche, den Kreuzgang mit der Annakapelle und den Bibliothekssaal, vom Grafen Waldbott von Bassenheim käuflich erworben, um dieses wertvolle Kulturdenkmal vor dem gänzlichen Ruin zu retten. 1926 kauften die Salesianer Don Boscos unter dem damaligen Provinzial, P. Dr. Franz X. Niedermayer, das ehemalige Prioratsgebäude, das der gräflichen Familie als Schloss gedient hatte. Noch viele Jahre nach dem Einzug der Salesianer hieß das Marianum bei den Einwohnern Buxheims das "Schloß".

Das neuerworbene Haus war als Ausbildungsstätte für "Spätberufene" gedacht, d.h., jungen berufstätigen Männern, die die Absicht hatten, Priester zu werden, sollte die Möglichkeit gegeben werden, in Buxheim das Gymnasium in Kurzform zu besuchen. In Anlehnung an den Namen der ehemaligen Kartause "Aula Mariae" (Maria-Saal) nannten die Salesianer Don Boscos ihre neue Niederlassung in Buxheim "Marianum". Das Gebäude war allerdings ziemlich verwahrlost, als es übernommen wurde. Über den Einzug der ersten Salesianer in Buxheim 1926 berichtet der Chronist des Hauses: "Das Haus fanden wir in einem schlechten Zustand. Dächer und Dachrinnen waren schadhaft, eine Kanalisation war nicht vorhanden. Das alte Wasserpumpwerk war verfault, die meisten Fensterstocke waren morsch und der Wind blies arg durch das ganze Haus. Die Türen waren schmutzig und schlossen schlecht. Die Zimmerwände waren mit zerrissenen Tapeten bekleidet, und es gab kein einziges Zimmer, das ohne weiteres bewohnbar war. Es gab keine Waschvorrichtung, kein Bad, und die sanitären Anlagen waren völlig unzureichend. Es fand sich kein Raum, der ohne Umbau als Studium bzw. Unterrichtsraum geeignet gewesen wäre. Dazu war das große Haus leer, ohne Mobiliar. Von Fulpmes in Tirol erhielten wir einen Waggon Möbel, einige Schulbänke für 35 Schüler, ein paar Tische und Kleiderschranke, 40 Stuhle und die allernotwendigsten Paramente für die Kapelle. Vieles musste getan und herbeigeschafft werden.

 20er Jahre Marianum

Bild: Das Marianum (von Südwesten), Ende der zwanziger Jahre.

 

Zuerst besorgten wir das notwendigste Kochengeschirr, Bettgestelle, Matratzen und Bettdecken. Ein Glück für uns war, dass wir von Erlaucht Gräfin von Bassenheim viele Möbel zu kaufen bekamen. Auf diesem Wege erhielten wir die meisten Möbel für die ersten Jahre. Im Herbst 1926 begannen wir mit den Umbauten und Reparaturen. Die Dächer wurden ausgebessert, das ehemalige gräfliche Schreibzimmer zu einem Waschraum umgeformt und eine neue Kanalisation angelegt. Gleichzeitig wurde eine Wassergenossenschaft organisiert und ein neues Pumphaus errichtet. Dazu musste für die Instandsetzung der elektrischen Leitung im Haus gesorgt und die Räume für den Heimbetrieb hergerichtet werden.

 

Der Auftakt zur weiteren Entwicklung Buxheims war am 31. Januar 1927. An diesem Tage kam der Hochwürdigste Herr Provinzial P. D. Franz X. Niedermayer zum ersten Mal seit der Eröffnung in das Haus. Er verkündete, dass das Marianum Buxheim, bis dahin Filiale des Münchener Salesianerhauses, nun selbstständig wurde, und ernannte P. Dr. Alois Holzner zum ersten Direktor des Marianums.

Im Mai 1927 gingen wir daran, den ehemaligen Bibliothekssaal als Kapelle herzurichten. Zuerst mussten wir uns einen Zugang zum Bibliothekssaal verschaffen, da nach dem Verkauf des Bibliothekssaales an den bayerischen Staat im Jahre 1917 der Türstock vermauert worden war. Wir machten den Türstock größer und setzten unsere kunstvoll geschnitzte Eichentüre ein. Diese war zur Kartäuserzeit am Eingang des Kreuzgangs angebracht. Der Schloßherr, Graf Waldbott von Bassenheim, ließ sie als Tür zu seinem Speisezimmer versetzen. Wenige Tage vor der Übernahme des Hauses durch uns verkaufte er die wertvolle Türe an das Kloster Ottobeuren. Dort konnten wir sie um 500 Mark zurückkaufen, weshalb die Türe oft die 500-Mark-Türe genannt wurde. Der Bibliothekssaal war in einem schlimmen Zustand. Seitdem im Jahre 1887 der Schloßherr Graf Waldbott von Bassenheim das ganze Mobiliar des Bibliothekssaales mit der ganzen Bibliothek verkauft hatte, wurde der Raum unverändert gelassen.

Die Fensterstöcke waren verfault und ließen Regen und Schnee herein. Die Stuckdecke war zwar nur wenig beschädigt, musste aber in der Mitte aufgehängt und ausgebessert werden. Fenster und Mauern wurden instand gesetzt, und am 21. Juni 1927 konnte die Benediktion der neuen Kapelle vorgenommen werden. Am Vorabend war bereits ein Fackelzug zum Hochfest der Salesianer, Maria Helferin der Christen. Hochw. Herr Pfarrer Max Martin von Buxheim nahm die Benediktion vor und hielt eine sinnreiche Ansprache. Bald darauf, am 6. Juli, hatten wir das erste Schuljahr beendet. Es war wirklich ein schönes und denkwürdiges Jahr. Bei den 36 Spätberufenen herrschte trotz der vielen Entbehrungen und körperlichen Arbeiten ein vortrefflicher, wahrhaft mustergültiger und gesunder Familiengeist. Das Marianum Buxheim war ihnen bereits ein zweites Vaterhaus geworden." (Hauschronik des Marianums 1926).

 

Marianum 30er Jahre


Bild: Marianum (von Norden), Ende der dreißiger Jahre.

Jahr für Jahr wurde in Eigeninitiative der innere und äußere Zustand des Hauses verbessert, um eine befriedigende Voraussetzung für die Internatsschule bieten zu können. Erfreulich rasch kam es zu einer ersten Blütezeit. Doch ab 1933 hatte auch das Marianum neben vielen anderen kirchlichen Privatschulen unter den nationalsozialistischen Schikanen zu leiden. Schließlich musste 1937 die Schule geschlossen werden. Neben der Unterrichtstätigkeit und der Erziehung in der Heimschule betreuten die Salesianerpriester auch die Dorfjugend; außerdem leisteten sie regelmäßig Seelsorgsaushilfen in den umliegenden Pfarreien diesseits und jenseits der Iller. In den Kriegsjahren bewohnten nur wenige Mitbrüder das Haus über diese Zeit berichtet der Chronist nur wenig Unter dem 1 Dezember 1942 heißt es: "Die Schlafsäle der Schüler, die Kapelle, der Speisesaal sowie die freien Gange werden an den Einsatzstab Reichsleiter Alfred Rosenberg vermietet. Durch diesen Mietvertrag fand der lästige, nie endenwollende Besuch der Wohnungskommission ein Ende. Kunstrestaurator Klein, der im Dienst des Einsatzstabes stand, verstand es, sich aus den abgetretenen Räumen eine herrschaftliche Wohnung einzurichten Alles Protestieren war umsonst Die abgetretenen Räume wurden mit schweren Kisten belegt, in welchen sich Möbel und Porzellanwaren und andere Kunstgegenstande befanden, die Eigentum der Wehrmacht waren Diese hatten sie sich in Frankreich angeeignet " (Hauschronik des Marianums 1942). Dieser eigenartige "Klosterschatz" bewahrte Buxheim möglicherweise vor Fliegerangriffen

Nach Beendigung des Krieges wurden 28 Waggons voll von geraubten Kunstgegenständen durch die Amerikaner an die früheren Besitzer zurückgegeben. Im Klostergebäude fanden vorerst Heimatvertriebene und Flüchtlinge Unterkunft. Im Jahr 1947 wurde das Haus vollständig renoviert und für die Schüler bewohnbar gemacht, so dass es bald wieder zu seinem eigentlichen Zweck als Internatsschule zur Verfügung stand. Im Herbst desselben Jahres 1947 begannen 41 Schüler das neue Schuljahr Diesmal waren es aber nicht nur "Spätberufene", die schon eine Berufsausbildung oder den Kriegseinsatz hinter sich hatten, sondern auch zehn und elfjähige Schüler belebten nun das Marianum. Viele Spatberufene hatten gleich nach dem Krieg in Benediktbeuern Aufnahme gefunden. Von 1947 bis 1964 war das Marianum ein staatlich anerkanntes Progymnasium bis zur 10 Klasse.

1954 siedelte das Spätberufenengymnasium von Benediktbeuern nach Buxheim über. Nur die Oberstufe mit Abiturrecht blieb noch zehn Jahre in Benediktbeuern Im Herbst 1964 wurde schließlich auch diese Oberstufe von Benediktbeuern nach Buxheim verlegt. Um die zusätzlichen Schüler aus Benediktbeuern jeweils aufnehmen zu können, mussten 1954 und 1964 unter dem Direktor des Marianums, P Siegfried Schäffler, Neubauten errichtet werden. Das Marianum war nun ein staatlich anerkanntes humanistisches Vollgymnasium. So konnte 1965 die erste Abiturprüfung in Buxheim stattfinden.

Seit dem Jahre 1971 wandelte sich das humanistische Gymnasium in ein neusprachliches, da seit dieser Zeit Englisch als erste und Latein als zweite Fremdsprache eingeführt. Griechisch aber durch Französisch abgelöst wurde. Verschiedene Umstände haben den Wechsel der Sprachenfolge notig gemacht. Ab dem Schuljahr 1970/71 wurden auch Tagesheimschüler in das Buxheimer Gymnasium aufgenommen. Diese Tagesheimschüler konnten im Marianum das Mittagessen erhalten, die Freizeit hier verbringen und in der gemeinsamen Studierzeit am Nachmittag ihre Hausaufgaben erledigen Seit 1980 können auch externe Schüler das Marianum besuchen. Schließlich wurden Schule und Tagesheim des Marianums ab dem Schuljahr 1983/84 auch für Mädchen geöffnet.

Seit 1985 können die Schülerinnen und Schüler zwischen dem neusprachlichen und dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig wählen. Für die Erweiterung und Verbesserung des schulischen Angebots und des pädagogischen Auftrags wurde unter Direktor P. Heiner Heim der jüngste Neubau für Schule und Tagesheim bzw. Hort errichtet. Ebenso entstand unter dem Schulhof eine Doppelturnhalle. Hatte man nach dem Krieg mit 41 Internatsschülern das Schuljahr 1947/48 begonnen, so besuchen im Schuljahr 2003/4 über 700 Schülerinnen und Schüler das Marianum. Im Mai 1976 konnten die Salesianer zusammen mit Bischof Dr. Josef Stimpfle und vielen Gästen das fünfzigjährige Jubiläum ihres Wirkens in Buxheim feiern.

Seit Anfang der siebziger Jahre ist das Marianum keine reine Internatsschule für Priesternachwuchs mehr. Dennoch ist es auch weiterhin das Anliegen des Marianums in seiner Gesamtheit von Gymnasium mit Tagesheim bzw. früher auch Internat, sich für die ganzheitliche und religiös geprägte Ausbildung und Erziehung der Schülerinnen und Schüler im Sinne und im Geiste des großen Jugendapostels Don Johannes Bosco (1815-1888) einzusetzen. Von ihm ist der Satz überliefert: "Von einer gesunden Erziehung der Jugend hängt das Glück der Nation ab". Dieser Ausspruch diente als Motto für die kirchliche Segnung der neuen Gebäude durch Diözesanbischof Dr. Viktor Josef Dammertz OSB am 19. Mai 1993. An diesem Tag konnte Direktor P. Alois Gaßner neben vielen anderen Ehrengästen auch den bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair willkommen heißen, der ein Grußwort sprach. Was in der Festschrift zur Seligsprechung Don Boscos im Jahre 1929 stand, darf gewiss auch heute noch gelten: "Der Orden des hl. Bruno darf überzeugt sein, dass die Söhne Don Boscos, wenn auch auf einem anderen Weg, das alte Kloster, das in Anlehnung an den bisherigen Namen Aula Mariae nunmehr Marianum heißt, wieder zu neuer Blüte emporführen werden. Auch der Segen der frommen Kartäusermönche soll wieder aufleben und den Salesianern und ihren Schülern Schutz und Hilfe bringen".

Über 85 Jahre wirken nun die Salesianer Don Boscos in Buxheim. Stets haben sie versucht, den Bedürfnissen der Jugend, aber auch dem kulturellen und religiösen Auftrag der ehemaligen Reichskartause Buxheim gerecht zu werden.

Über dreißig von diesen 85 Jahren Geschichte des Marianums habe ich miterlebt, z.T. auch mitgestalten dürfen. Denn nachdem im Jahre 1974 unser Mitbruder, Herr OStD P. Dr. Johannes Zitzelsberger, nach acht Jahren sein Amt als Schulleiter aus Altersgründen niedergelegt hatte, beauftragte mich der damalige Provinzial, P. Richard Feuerlein, mit der Leitung des Gymnasiums der Salesianer in Buxheim. In diesen drei Jahrzehnten gab es im Marianum verschiedene, z.T. einschneidende Veränderungen. Neues wurde gewagt und begonnen.

Als Direktoren des Marianums wirkten in dieser Zeit P. Herbert Müller (1972-1981), P. Heiner Heim (1981-1991), P. Alois Gaßner (1991-2000), P. Konrad Schweiger (2000-2009) und P. Ulrich Schrapp (seit 2009). Sie waren bzw. sind als Hausobere und Gesamtleiter für alle Initiativen und Einrichtungen des Marianums letztverantwortlich. Am 1. September 1994 wurde Herr OStD Gerald Dötz zum neuen Schulleiter bestellt. Sechs Jahre leitete er in engagierter und verantwortungsbewusster Weise die Schule. Am 1. August 2000 übernahm er die Leitung des Allgäu-Gymnasiums in Kempten. Seitdem leitet Herr OStD Michael Heinrich das Gymnasium Marianum Buxheim.

Nach sechzehn Jahren Wartens gehört das Gymnasium Marianum seit 1. Januar 1996 zum Schulwerk der Diözese Augsburg. Am 26. April 1996 fand die Feier der Übergabe an den neuen Schulträger mit Bischof Dr. Viktor Josef Dammertz und vielen anderen Gästen statt. Seit 1. August 2011 gehören nun auch die Gebäude des Gymnasiums, Tagesheim und Internats dem Schulwerk.

 

Ich wünsche meinem Nachfolger als Schulleiter und dem ganzen Marianum alles Gute, Gottes Segen für die Zukunft zum Wohl der uns anvertrauten jungen Menschen.

P. Alfred Schnapp SDB